Recklinghäuser Zeitung, Sonntag 09.03. 2002






Thitz macht
daraus Kunstobjekte

   Von
   Franz-Norbert
   Piontek


S pätestens an der
Kasse im Super-
markt ist es Gewiss-
heit. Herrjemine!
Wieder die Ein-
kaufstasche zu Hau-
se stehen gelassen!
"Hätten Sie noch ei-
ne Tüte?" Die Kas-
siererin greift, ohne
zu schauen, unter
die Theke und ne-
stelt eine hervor.
"Kostet 10 Cent!",
brummt sie noch.

Mit der Tüte - hält garantiert
fünf Kilogramm Obst, Milch
und Brot aus! -verlässt man
das Einkaufsparadies und
ist, obwohl man dafür einen
Obolus gezahlt hat,
unfreiwillig
zum Werbeträger geworden:
Denn auf der Tüte prangt das
Logo des unternehmens.
So sind Einkaufstaschen aus
dem alltäglichen Leben nicht
mehr wegzudenken: ob aus Pa-
pier, Plastik, Baumwolle oder
Jute. Doch sind sie aber auch
Kunstobjekte? Dies versucht
der Künstler Thitz zu beweisen.
Seit 1985 verarbeitet und be-
malt der Schwabe Tüten -aus
der ganzen Welt.
"Jeder trägt seine eigene Tüte -
stolz, zum Teil mit Designerauf-
drucken versehen -durch die
Straßen", erzählt der 38-jährige
Künstler aus Schorndorf in Ba-
den-Württemberg. "Das lässt
Rückschlüsse auf die Menschen
zu. Der Mensch definiert sich
über die Tüte." Und Thitz
nimmt diese Tüten, malt fröhli-
che Gestalten drauf und stellt
sie in Galerien aus.
während seiner Ausbildung -
Thitz studierte zwischen 1983
und 1989 bei K.R.H. Sonder-
borg an der Staatlichen Akade-

mie der bildenden Künste in
Stuttgart -stieß er auf die Tüte
als Arbeitsfeld. Es waren
zunächst die bekannten Papier-
tüten. In sie war zum Beispiel
Landbrot aus dem Schwarzwald
eingewickelt worden. Oder die
Wurstsemmel vom Metzger ne-
benan. "Es war Liebhaberei",
erzählt Thitz. "Ich fand einmal
einen Stapel Brottüten im
Sperrmüll und begann im Ate-
lier herumzuexperimentieren."
Noch heute steht dje Pirsch am
Anfang eines neuen Projektes.
"Das ist für alle Beteiligten
ziemlich nervig", räumt er ein.
Es ist längst nicht mehr der
Tante-Emma-Laden um die
Ecke. Denn Thitz reist viel:
nach Marokko, Island, Ecuador,
Mexiko, Nepal oder auch nach
Südafrika, nur nicht auf den
Mond, In seiner Biographie, die
unter der Internetadresse
Thitz.de abrufbar ist, werden
sie Tütenreisen genannt.
Vor kurzem richtete er im Ger-
man House in New York eine
große Ausstellung aus. Und
was unternahm er dort in der
Freizeit? Richtig, Tütensuchen
stand auf dem Programm. "Ich
fand in Greenwich Village ei-
nen Packen New-York-Times-
Tüten -auf der Straße. Das war
so irre." Und schmunzelt: "Ich
war selbst erstaunt, dass man
inzwischen einen solchen Blick
hat, um einen solchen Stapel
Tüten auf der Straße zu fin-
den."
Auch in Indien fiel er auf. Mit-
ten auf dem Markt sprach er ei-
ne Händlerin an. "Sie war sehr
erstaunt, dass ich Tüten kaufe -
und keinen Reis", sagt er. "Sie
wollte mir erst gar keine ge-
ben." Erst später entdeckte er
dann einen Tütenladen, wo er
sich mit den aus altem Zei-
tungspapier gefalteten Tüten
eindeckte.
Nicht nur auf seinen vielen
Auslandsreisen lässt er sich in-
spirieren. So kann ihn die tolle
Gestaltung eines Geschäfts ma-
gisch anziehen. Dann geht er
dort hinein und bittet um Tü-
ten. "Ich finde es interessant,
wenn die Leute es ablehnen,
mir Tüten zu geben und nicht
bemerken, dass sie Gratiswer-
bung in Katalogen und in allen
Medien bekommen", sagt der
Künstler. "Es ist natürlich Je-
dem überlassen, wie er mit dem
Medium Tüte umgeht."
Dabei stellt er sich vor, was die-
se Tüten erzählen könnten -

schauen aus Fenstern, hinter
Straßenecken hervor und
schweben über den Dächern.
"Ich will über den Ort eine Ge-
schichte für die Menschen hier
machen, nicht wie eine Post-
karte, einen Film, sondern von
Mann zu Mann Frau zu Frau."
So entwickelte Thitz eine Welt-
sicht. "Das ist eine Art Tüten-
denken." Im Jahre 2000 mach-
te er Tütenbefragungen unter
den Bürgern, flächendeckend
in Goch am Niederrhein, in
Waiblingen, der Kreisstadt vor
den Toren Stuttgarts, in Wend-
lingen un.d in Pirmasens. Dort
woUte er nicht nur Trageta-
schen haben, sondern auch
Schuhe. Denn in dieser Gegend
im Südwesten von Rheinland-
Pfalz blühte einst dieses Hand-
werk. Dort wurde in vielen Fa-
briken Schuhwerk produziert.
Sie. sind ein weiteres Lieb-
lingsthema: Denn Thitz trägt
gerne flippig gestaltete Schuhe
auf, die sich zumindest farblich
unterscheiden, zum Beispiel
rechts gelb, links rot.
So ganz ist der Künstler immer
noch nicht ausgelastet. Zusam-
men mit Tobias Sandberger
dreht er Kurzfilme, auf 16-Mil-
limeter-Streifen. oder Video. Ti-
tel: "the message", "Trooping
the colour", "manage". Noch
im Jahre 2001 folgte das Film-
projekt "Das Buch des Eremiten".
Er baut kleine Zauberma-
schinen: So öffnet sich der Sitz
eines kleinen Hockers und of-
fenbart die Sehnsüchte einer
frustrierten Hausfrau. Bei einer
Ausstellung im Museum der
Stadt Waiblingen versteckte er
in den Vitrinen mit histori-
schen Exponaten kleine Über-
raschungen. Auf einen römi-
schen Altarstein aus dem zwei-
ten nachchristlichen ]ahrhun-
dert legte er eine Scherbe, auf
die er eine Schönheit gemalt
hatte.
Dennoch kommt Thitz nicht
von den Einkaufstaschen los.
"Eigentlich habe ich Tüten aus
allen Kontinenten und vielen
Ländern", berichtet der Künst-
ler, der neben Schorndorf noch
in Berlin ein zweites Atelier hat.
Wie viele andere freiwilli-
ge Sammler bringt eine Dame
eine Tüte mit dem Bild von ]o-
seph Beuys vorbei. "Sie sind
Tütenscouts. Das ist auch not-
wendig, weil ich einen ganz
enormen Verbrauch habe."

 FOTOS:
 1.) Jeder braucht sie,
 jeder schleppt sie, jeder
 wirft sie schließlich weg:
 Die praktischen Tüten
 für den Großeinkauf.
 Nur der Künstler...
       Foto: Torsten Janfeld

 2.) In typische Stadtan-
 sichten wie hier von Chi-
 cago arbeitet Thitz seine
 Tüten ein.

 3.) Der Künstler Thitz aus
 Schorndorf bemalt Ein-
 kaufstüten und macht
 sie damit zu Kunstob-
 jekten
    Fotos: Franz-Norbert Piontek
 VERANTWORTLICH:
 Layout: Werner Kähsmann
 Verantwortliche Redakteu-
 rin: Angela Lamza
  02365/107258
 Fax 02365/107247

über ihren Inhalt, die Benutzer
und die Wege... "Das hat eine
Geschichte", sagt Thitz. "Da
hat jemand was reingetan.
Oder könnte was reintun."
Thitz wittert darin Doppelbö-
digkeit. "Die Möglichkeit, et-
was hineinzudenken, und dazu
ist es ein Format, das als Einzel-
tüte völlig begrenzt ist."
Zurzeit arbeitet er an einer
Weltstadtserie: " Tüten aus New
York, Mexiko, Rom, Kairo oder
Chicago werden auf großfor-
matige Bilder montiert, die An-
sichten der Städte zeigen", sagt
Thitz. "Es sind aber nicht alle
Städte auf der Welt geeignet,
aber einige." Die Silhouette
muss. typisch sein. Wolken-



kratzer, historische Gebäude,
Brücken. Als Vorlagen dienen
Fotos, häufig Luftaufnahmen.
"Die Hälfte mache ich selbst.
Die anderen sind wiederer-
kennbare Postkarten." Die Mo-
tive rastert Thitz auf und malt
sie mit Ölfarben auf die Lein-
wand. Dann klebt er die Tüten
aus der Stadt drauf. Zum Bei-
spiel die von Berta's Store zu
Manhattan -versehen mit dem
Hinweis, dass bei Nichtgefallen
nach zehn Tagen die Kleidung
zurückgegeben werden kann.
Zwischen die Gebäude malt er
Menschen; rot, grün, gelb,
blau, Cartoongesichter, heiter,
fröhlich: "Ich bin. kein Pessi-
mist", begründet er. Die Wesen